O&U neu gedacht: Der „Room of Horror“ als innovatives Lehrmodell
Wie lässt sich Orthopädie und Unfallchirurgie lebendig und praxisnah erklären und den Medizinstudierenden gleichzeitig lebensrettendes Wissen und Routinen beibringen? Unter anderem mit spannenden Lehrinhalten jenseits des Hörsaals, wie beispielsweise dem „Room of Horror“. Die anschauliche Unterrichtsidee, die 2024 die Auszeichnung „Bestes Lehrkonzept in O&U“ erhielt, wird seit 2021 im Universitätsklinikum Frankfurt/Main als interprofessionelles Seminar im Rahmen des Praktischen Jahrs (PJ) des Zentrums Chirurgie von Prof. Dr. Miriam Rüsseler angeboten. In der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten (OUMN) wird der didaktische Ansatz genauer vorgestellt.
Jeder Mensch macht Fehler, auch Ärztinnen und Ärzte. Medizinische Fehler können allerdings im schlimmsten Fall zum Tod eines Patienten oder einer Patientin führen. Zwar wird das Wissen über viele potenzielle Gefahrenquellen wie Allergien und Nebenwirkungen von Medikamenten im Studium vermittelt, der geschulte Blick für mögliche Gefahren, auch Situationsbewusstsein genannt, ist allerdings zum Karrierestart noch nicht ausreichend ausgebildet. Erst im Laufe des Berufslebens werden Erfahrungen durch Sehen, Beobachten und Verstehen gesammelt und damit das Situationsbewusstsein trainiert.
„Room of Horror“ als realitätsnahes klinisches Setting
Wie aber können diese wichtigen Erfahrungen gemacht werden, ohne dabei das Patientenwohl zu gefährden? In dem Frankfurter Lehrkonzept geschieht dies in einem realitätsnahen klinischen Setting, dem sogenannten „Room of Horror“. In speziell vorbereiteten virtuellen Räumen, in denen Patientinnen und Patienten behandelt werden, erkunden die Lernenden mittels VR-Brille die jeweilige Situation und machen potentielle Gefahren sowie Fehler ausfindig. Dabei sind in jedem Szenario Fehler unterschiedlichster Art versteckt: Sei es die falsche Lagerung des Arms, ein abgeklemmter Blasenkatheter oder aber eine Nachlässigkeit hinsichtlich der Patientenakte, wie beispielsweise die Anordnung eines Medikaments bei bestehender Allergie gegen den Wirkstoff.
Eine Übungseinheit im „Room of Horror“ wird in drei aufeinander aufbauenden Leveln absolviert: In Level 1 lernt jeder Teilnehmende sein eigenes Situationsbewusstsein kennen und wird sich, während er den Raum erkundet, seiner möglichen Unaufmerksamkeiten bewusst. Nach dieser ersten Runde tragen alle Lernenden in Kleingruppen die erkannten Fehler zusammen und diskutieren diese hinsichtlich ihrer Gefahren und Risiken. In Level 2 wenden die Teilnehmenden das zuvor Erlebte und Diskutierte in einem neuen virtuellen Raum – der Notaufnahme – an und vertiefen ihr Situationsbewusstsein. Auch hierauf folgt eine Auswertung und Diskussion unter den Lernenden. In Level 3 rückt der spielerische Aspekt in den Vordergrund: Im dritten Raum – auf der Normalstation – müssen nun so viele Fehler wie möglich innerhalb kürzester Zeit im Wettkampf identifiziert werden. Nach Abschluss aller drei Szenarien haben die Teilnehmenden ihr Situationsbewusstsein deutlich geschärft und sind besser für Gefährdungen der Patientensicherheit sensibilisiert.
Wie genau das Setting des „Room of Horror“ gestaltet wird und welche Vorteile die klinische Simulation für die medizinische Ausbildung hat, wird im Artikel „Fehler identifizieren – Leben retten“ von der Gewinnerin des Lehrkonzepts vorgestellt. (© DGOU und BVOU [2025] Published by Springer Medizin Verlag Berlin [2025]. All rights reserved.).




