Nackenschmerzen gehören in Deutschland zu den häufigsten Beschwerden und beeinträchtigen sowohl die Arbeitsfähigkeit als auch die Gesundheitsversorgung erheblich. Gleichzeitig sind die physiotherapeutischen Ressourcen begrenzt, sodass eine effiziente und evidenzbasierte Versorgung besonders wichtig ist. Das vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) geförderte S3-Leitlinienprojekt der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) umfasste daher zwei Praxistests, die prüfen sollten, wie gut die Leitlinienempfehlungen im Versorgungsalltag angewendet und akzeptiert werden. Der bereits abgeschlossene Praxistest wurde von Hausärztinnen und Hausärzten vorgenommen.
Hohe Verständlichkeit und Akzeptanz bei Physiotherapeuten
Für den sechswöchigen Praxistest wurden die Leitlinie und die Patienteninformation in physiotherapeutischen Praxen erprobt. In die Auswertung gingen 20 Fragebögen und 11 Interviews mit Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie 37 Fragebögen von Patientinnen und Patienten ein.
Die Ergebnisse zeigen eine insgesamt hohe Akzeptanz der Empfehlungen: Die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten bewerteten die Verständlichkeit der Leitlinie im Mittel mit 9,1 von 10 Punkten, die Übereinstimmung mit den Empfehlungen mit 8,6 Punkten. Im Praxistest gaben die Teilnehmenden an, ihr therapeutisches Handeln durchschnittlich mit 7,9 an den Empfehlungen auszurichten.
Besonders hilfreich waren die Unterstützung der Kommunikation, die Förderung einer interprofessionellen Zusammenarbeit sowie die Bestätigung bereits evidenzorientierter Vorgehensweisen.
Wo liegen die Herausforderungen in der Umsetzung?
Der Praxistest macht zugleich deutlich, dass die Umsetzung von Leitlinien nicht allein von ihrer inhaltlichen Qualität abhängt. Besonders häufig schilderten die Teilnehmenden Situationen, in denen die Vorstellungen und Wünsche der Patientinnen und Patienten von den Empfehlungen abwichen. Ebenso wurden unterschiedliche ärztliche Verordnungen oder verschiedene Einschätzungen zur Evidenz als mögliche Konfliktpunkte genannt.
Dadurch rückt die gemeinsame Entscheidungsfindung stärker in den Fokus: Evidenzbasierte Empfehlungen müssen mit den individuellen Präferenzen der Patientinnen und Patienten in Einklang gebracht werden – Vertrauen und eine gute therapeutische Beziehung sind dafür zentral.
Zudem äußerten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten den Wunsch nach einer stärkeren physiotherapeutischen Perspektive der Leitlinie, insbesondere bei Diagnostik sowie bei konkreten Hinweisen zu Bewegungstherapie und Edukation.
Patienteninformation grundsätzlich positiv bewertet
Auch die Patientinnen und Patienten bewerteten die Patienteninformation überwiegend positiv. Die Verständlichkeit wurde im Durchschnitt mit 8,5 von 10 Punkten angegeben; insgesamt erhielt die Information die Schulnote 2,3. Die Mehrheit der Befragten stimmte den Leitlinienempfehlungen grundsätzlich oder vollständig zu.
Gleichzeitig zeigten sich unterschiedliche Erwartungen, vor allem bei passiven Behandlungsmaßnahmen: Während einige den Verzicht auf passive Techniken unterstützten, wünschten sich andere deren Einsatz zumindest als ergänzende Maßnahme.
Ein weiterer wichtiger Punkt betraf den Verzicht auf routinemäßige Bildgebung. Einzelne Patientinnen und Patienten äußerten Unverständnis darüber, keine bildgebende Untersuchung zu erhalten, wenn keine spezifische Diagnose gestellt werden kann. Das verdeutlicht, wie wichtig eine verständliche Kommunikation über die Ursachen nicht-spezifischer Nackenschmerzen und die Gründe für diagnostische Entscheidungen ist.
Fazit: Leitlinien brauchen Implementierung und Kommunikation
Der Praxistest zeigt: Die aktualisierte S3-Leitlinie „Nicht-spezifischer Nackenschmerz“ wird von den beteiligten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten und Patientinnen und Patienten insgesamt als verständlich, praxisnah und gut anwendbar bewertet.
Gleichzeitig wird deutlich, dass eine erfolgreiche Umsetzung der Empfehlungen nicht nur vom Inhalt der Leitlinie abhängt, sondern ebenso von guter interprofessioneller Kommunikation, verständlicher Patientenedukation und gemeinsamer Entscheidungsfindung.
