Im OP wie im Cockpit

Zehn Jahre Human Factors in der Medizin

Lufthansa Airbus A380
© Sundry Photography / stock.adobe.com

Zehn Jahre Zusammenarbeit, ein gemeinsames Ziel: Mit dem ersten IC-Kurs „Be prepared!“ legten die DGOU und die Human Factors Academy im Jahr 2015 den Grundstein für ein Trainingsformat, das seither Maßstäbe setzt – für Sicherheit, Zusammenarbeit und Kommunikation im Klinikalltag. Im Zentrum des modular aufgebauten Lernkonzepts des HFCT (Human Factors Competence Training) stehen interpersonelle Kompetenzen - vermittelt durch ein Tandem aus Luftfahrt- und Medizinexpertinnen und -experten. Angela de Beaufort, Pilotin, Psychologin und Human Factors-Trainerin bei der Lufthansa Aviation Training, sowie Prof. Dr. Christoph Wölfl, Orthopäde, Unfallchirurg und Trainerkollege, blicken anlässlich des zehnjährigen Bestehens auf die Entwicklung der Kurse und das Prinzip des lebenslangen Lernens.

Prof. Dr. Christoph Wölfl, der als Trainer die „medizinische Seite“ repräsentiert, lernte die Human Factors Academy (HFA) ursprünglich als „Think Tank“ zur Optimierung der Ausbildung im Bereich „Faktor Mensch“ für das fliegende Personal kennen. Es sei ein großes Privileg gewesen, so früh Teil dieser Entwicklung zu sein. Angela de Beaufort ergänzte, das Ziel der HFA sei allem voran, Organisationen - insbesondere im Hochzuverlässigkeitsbereich wie dem Gesundheitswesen - mit Werkzeugen auszustatten, die sich in der Luftfahrt seit Jahren bewährt hätten. Einzigartig sei zudem die Kombination der Trainerinnen und Trainer, die in Tandems mit fliegerischem und ärztlichem Hintergrund arbeiteten - und dabei selbst jene Teamarbeit vorlebten, die sie vermitteln wollten.

Wissenschaft und Erfahrung

Für beide liegt die Besonderheit der HFA-Kurse in der Verbindung von wissenschaftlich fundierten Inhalten, erfahrungsbasierter Moderation und einem breiten Erfahrungsschatz aus Luftfahrt und Medizin. Die Trainings nehmen dabei sowohl Bezug auf etablierte Konzepte wie FOR-DEC (Methode zur strukturierten Entscheidungsfindung, die vor allem in der Luftfahrt angewandt wird) oder TEM (Threat and Error Management) und passen sich zugleich immer wieder neuen Herausforderungen an - etwa durch die Integration von Modulen zur Resilienzförderung, die im Rahmen der COVID-19-Pandemie massiv in den Vordergrund gerückt ist.

Ein Schlüsselmoment in der Entwicklung sei für Wölfl vor allem das Thema Assertiveness gewesen - also die Fähigkeit, sich auch in hierarchischen Strukturen klar und konstruktiv zu äußern. „Diese Kultur kann man sofort umsetzen“, so Wölfl. Wenn in einem Team ein sicheres Umfeld herrsche, könne jeder Probleme benennen - ohne Angst vor Sanktionen. Dies sei ein erster wichtiger Schritt zu mehr psychologischer Sicherheit. De Beaufort beobachtete, dass das Verständnis für Crew Resource Management im medizinischen Kontext zudem massiv gewachsen sei: „Früher gab es fragende Gesichter - heute weiß fast jeder, was damit gemeint ist.“

Aufeinander aufbauende Kursmodule

Inhaltlich bauen die Module des HFCT systematisch aufeinander auf: Während sich der HFCT-Basic-Kurs rein auf die einzelne Person als Individuum fokussiert, liegt der Schwerpunkt im darauffolgenden Seminar „HFCT Team“, wie der Titel bereits vermuten lässt, auf Teamstrukturen und -zusammenarbeit, im Seminar „HFCT Leadership“auf spezifischen Themen für Führungskräfte und im Seminar „HFCT Organisation“ auf der Managementebene. Innerhalb dieser Module werden dabei spezifische Fähigkeiten gefördert, etwa Emotionsregulation, Schnittstellenkommunikation oder die „Just Culture“. Entscheidend sei dabei, so de Beaufort, dass es nicht bei der Theorie bleibe. Die Seminare lebten vom interaktiven Austausch, konkreten Praxisbeispielen und Übungen - und nicht zuletzt von der Offenheit der Trainerinnen und Trainer, die ihre individuellen, eigenen Erfahrungen teilten. „Wir machen uns verletzlich. Das schafft Vertrauen und öffnet den Raum für echtes Lernen.“

Rechtliche Verpflichtung

Strukturelle Unterschiede zwischen Luftfahrt und Medizin zeigen sich besonders deutlich in der gesetzlichen Verankerung. Während HFT für Airlines verpflichtend seien, fehle es im Gesundheitswesen bislang an einer vergleichbaren Regelung. Wölfl forderte deshalb eine stärkere politische Unterstützung. Die rechtliche Verpflichtung wäre aus seiner Sicht ein wichtiger Hebel für flächendeckende Implementierung - auch mit Blick auf die Finanzierung.

Die größte Schnittmenge sehen sowohl de Beaufort als auch Wölfl in der Verantwortung für Leib und Leben. „Je standardisierter wir arbeiten, desto besser - im Cockpit wie im OP“, meinte Wölfl. De Beaufort verwies zudem auf Checklisten, Sicherheitskultur sowie die Notwendigkeit und auch den Mut, Hilfe anzunehmen, wenn es die Situation verlange. Umgekehrt könne die Luftfahrt von der Medizin lernen - etwa durch das ABCDE-Schema zur strukturierten Patientenbeurteilung, das sich in seiner Struktur auch an Bord problemlos integrieren ließe.

Lebenslang lernen

„Lifelong Learning“ ist für beide ein klares Grundprinzip - beruflich wie persönlich. Wölfl berichtete von seiner kürzlichen Weiterbildung in Notfall- und Krisenchirurgie, de Beaufort von ihrer Teilnahme an einem wissenschaftlichen Projekt zur Emotionsregulation und betonte, wie sehr sich die Trainings der vergangenen 25 Jahre auf ihre Handlungssicherheit ausgewirkt hätten: „Ich bin immer wieder überrascht, wie selbstverständlich bestimmte Anwendungen für mich geworden sind - das war nicht immer so.“ Dabei reiche individuelles Lernen allein nicht aus, so äußerten sich beide. Teamprozesse seien entscheidend. Psychologische Sicherheit könne nur entstehen, werde sie kollektiv getragen. Die Bereitschaft zur Hilfe - ebenso wie deren Annahme - brauche ein gemeinsames Verständnis und gelebte Übung. Ohne ein Team, das diese Haltung teilt, bleibe das individuelle Bemühen oft wirkungslos.

Human Factors in der medizinischen Ausbildung

Im Hinblick auf die Zukunft betonten de Beaufort und Wölfl die Notwendigkeit, Human Factors-Inhalte noch stärker in die medizinische Ausbildung zu integrieren, wobei es bereits teilweise erste semesterbegleitende Kurse für Medizinstudierende gäbe. De Beaufort wünschte sich, dass diese Themen für die nächste Generation zur Selbstverständlichkeit würden - so wie sie es in der Luftfahrt bereits seien. Inhaltlich solle der Fokus auch künftig auf psychologischer Sicherheit, Teamresilienz und emotionaler Intelligenz liegen - ergänzt durch aktuelle Erkenntnisse aus Forschung und Praxis.

Was beide vereint, ist der Wunsch nach struktureller Verankerung. Wölfl befürwortet gesetzliche Grundlagen, vergleichbar mit denen der Luftfahrt. Nur so ließen sich Ressourcen sichern und Trainings langfristig ausbauen. De Beaufort ergänzte abschließend: „Die Erweiterung interpersoneller Kompetenzen muss denselben Stellenwert erhalten wie jede andere medizinische Weiterbildung. Es geht um nichts Geringeres als unsere Zusammenarbeit - und um die Sicherheit unserer Patienten und Patientinnen.“

Autoren:
Angela de Beaufort, Bremen
Pilotin, Psychologin und Human Factors-Trainerin bei der Lufthansa Aviation Training

Prof. Dr. Christoph W. Wölfl, Neuwied
DGU-Sektion Notfall-, Intensivmedizin und Schwerverletztenversorgung (NIS), Human Factors-Trainer

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