Mit zwischenmenschlichen Kompetenzen die Sicherheit in der Medizin stärken

Ärzte und Krankenhäuser müssen sich an der Sicherheit ihrer Patienten messen lassen. Medizinisches und technisches Know-how des Klinik-Personals allein reichen dafür nicht aus. Auch auf das Team kommt es an: Die Zusammenarbeit und das Zwischenmenschliche müssen stimmen, um Fehler vermeiden und gerade auch in kritischen Situationen sicher handeln zu können. Verlässlich im Team kommunizieren und entscheiden – dafür steht das Kursformat „IC – Interpersonal Competence“. Es wurde nach dem Vorbild von Sicherheitstrainings für Piloten von Lufthansa Aviation Training (LAT) in Kooperation und mit der Expertise der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) entwickelt. Mit den Kursen, die 2015 gestartet sind, wird medizinisches Personal erstmals strukturiert in diesem Bereich ausgebildet. Der Leitgedanke: „Safety first“.

Wie IC-Trainings dazu beitragen, die interpersonellen Kompetenzen des Einzelnen zu stärken und dadurch das Miteinander der medizinischen Berufsgruppen sowie von Ärzten und Patienten nachhaltig zu verbessern, erläutern Prof. Dr. Bertil Bouillon und Dr. Matthias Münzberg. Sie haben die IC-Kurse im DGOU-Projektteam maßgeblich mit auf den Weg gebracht und sind als IC-Trainer tätig.

Warum ist der Faktor Mensch eines der größten Risiken, in der Medizin genauso wie in der Luftfahrt?

Matthias Münzberg: In der Luftfahrt wissen wir seit den Siebzigerjahren, dass der menschliche Faktor zu 70 Prozent die Ursache für Abstürze oder Beinahe-Unfälle ist. Seitdem hat man viele Ressourcen investiert, um diesen Faktor zu stärken und dem fliegenden Personal strukturiert zu vermitteln. Mit Erfolg: 2017 war die Luftfahrt weltweit so sicher wie selten zuvor. Auch in der Medizin ist es seit geraumer Zeit bekannt. Neueste Studien haben gezeigt, dass die sogenannten Medical Errors die dritthäufigste Todesursache darstellen. Auch hier spielt der menschliche Faktor die Hauptrolle. Nur fehlt uns in der Medizin bis jetzt noch das Bewusstsein für eine flächendeckende Sicherheitskultur und die Möglichkeit einer strukturierten Ausbildung auch auf diesem Gebiet.

© B. Bouillon / BK Klinik Ludwigshafen / M. Hauk / DGOU

Von den IC-Kursen sollen neue Impulse für die Sicherheitskultur in der Medizin ausgehen. Wie ist das zu verstehen?

Bertil Bouillon: Luftfahrt und Medizin sind Hochsicherheitsbereiche: Fehler müssen auf ein Minimum reduziert werden. In allen Ebenen unseres Gesundheitswesens brauchen wir eine Sicherheitskultur, „Safety first“ muss oberste Priorität haben. Unser Know-how in technischen Belangen und Prozeduren ist in unserem Fach O und U sehr ausgeprägt und wir Fachgesellschaften haben viele Impulse für die Aus-, Weiter- und Fortbildung gegeben. Da lag es auf der Hand, die Stärkung der interpersonellen Kompetenzen des Einzelnen in den Fokus zu nehmen und damit auch die Sicherheitskultur insgesamt. Nur wenn alle Beteiligten im Gesundheitswesen die drei Säulen von Fertigkeiten – technische, prozedurale und interpersonelle – beherrschen, werden wir dies erreichen.

Wie kann ein Bewusstsein für den Faktor Mensch geschaffen werden – dafür, dass sich das Miteinander im Klinikalltag verändern kann?

Bouillon: Fehler sind menschlich und sie werden weiterhin passieren. Für uns Mediziner bedeutet dies zunächst zu verstehen, dass niemand unfehlbar ist. Wir wissen, dass menschliche Fehler die dritthäufigste Todesursache in der Medizin ist. Damit müssen wir im Sinne einer Prävention umgehen: Wir müssen unseren Kollegen das notwendige Handwerkzeug geben – für eine sichere Kommunikation, Führung und Entscheidungsfindung und um Fehler zu vermeiden. Ein starres Hierarchie-Denken hat keinen Platz mehr in der Medizin. Das Miteinander, das Team sollte im Vordergrund stehen.

© BG Klinik Ludwigshafen / M. Hauk / DGOU

Wie kann dieser kulturelle Wandel gelingen? Was sind die größten Herausforderungen dabei?

Münzberg: Unserer Ansicht nach sind wir mitten drin in diesem Wandel. Medizin ist interprofessionell und interdisziplinär. Daher sind die Kurse genauso aufgebaut. Aber nicht nur die Mediziner, sondern auch die Ebene der Geschäftsführungen sehen diese Notwendigkeit mehr und mehr. Ein gutes Beispiel sind die BG Kliniken, die ihre Mitarbeiter bereits regelhaft in IC-Kursen schulen, um den Wandel mitzugestalten. Sicherlich wäre auch eine entsprechende Gesetzgebung eine gute Grundlage, um diesen Prozess zu beschleunigen. Die Luftfahrt hat für diesen Wandel mehr als ein Jahrzehnt gebraucht. Dies auch in der Medizin zu erreichen, wäre ein Meilenstein. Die Integration des IC-Trainings in alle Bereiche des Gesundheitswesens könnte einen ähnlich positiven Beitrag in der Medizin leisten wie die Entdeckung des Antibiotikums.

Das Interview führte Maria Hauk.

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