November 2016

Christopher Spering: Für eine praxisorientierte Lehre

Christopher Spering © UMG

Im Eiltempo in die Notaufnahme, um einen Schwerverletzten zu versorgen, dann in der Sprechstunde den Therapieplan durchgehen, im OP einen Knochenbruch behandeln, wieder zurück zum Notfall – und zwischendurch ein beruhigendes Wort zum Patienten: Der Arbeitsalltag von Dr. Christopher Spering ist alles andere als ruhig. Der 33-jährige Mediziner liebt seinen Beruf und möchte das Fach Orthopädie und Unfallchirurgie für junge Ärzte attraktiver machen.

Die Bewerberzahlen für unfallchirurgische Assistenzarztstellen sind rückläufig. Das liegt zum einen daran, dass die Work-Life-Balance selten ausgeglichen ist und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwer erscheint. Zum anderen ist die Arbeitsbelastung in operativen Fächern um ein Vielfaches höher als in anderen medizinischen Bereichen. Dr. Christopher Spering von der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) sieht einen weiteren wichtigen Grund: Der praktische Einblick in das Berufsfeld erfolgt relativ spät. Deshalb hat er ein Konzept entwickelt, wie Medizinstudenten schon frühzeitig ohne personellen Mehraufwand am Klinikalltag teilhaben können.

Die Faszination von O und U kennenlernen
„Die Orthopädie und Unfallchirurgie ist ein hochattraktives Fach. Es ist vielseitig und bietet zahlreiche Möglichkeiten, sich zu spezialisieren. Damit Studierende erkennen können, wie faszinierend dieser Beruf ist, sollten sie möglichst frühzeitig in das Team integriert werden, indem sie zum Beispiel an Sprechstunden teilhaben oder im OP dabei sind“, sagt Dr. Spering. Während seines praktischen Jahrs (PJ) 2009/2010 in Kapstadt kam Spering die Idee: „Ich habe in der Klinik einfach meine Handynummer hinterlegt, so dass mich Oberärzte in Notfällen anrufen konnten. Diese Einsätze waren äußerst spannend und ich habe dabei sehr viel für die Praxis gelernt. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich dann das Konzept des studentischen Rufdienstes entwickelt.“

Studentische Rufdienste für OP und Schockraum
Zurück in Deutschland, waren sowohl Chef und Oberärzte seiner damaligen Klinik als auch die Studierenden vom Konzept begeistert. In seiner Abteilung an der UMG hat Spering den studentischen Rufdienst für die Assistenz im OP und die Dokumentation im Schockraum 2010 eingeführt: Die jungen Mediziner werden bei operativen Eingriffen und bei jeder Schockraummeldung in Diensten und am Wochenende per Handy zur Unterstützung gerufen.

Studie zeigt viele Vorteile des Konzepts
Um den Nutzen des Rufdienstes zu messen, hat Spering eine zweijährige Studie durchgeführt. Dabei wurden unter anderem Vorkenntnisse, Motivation und Wissenszuwachs von Studierenden gemessen, die unfallchirurgische Rufdienste absolvierten bzw. nicht teilnahmen. Neben einem Vorher-Nachher-Vergleich hat Spering zusätzlich auch eine Kostenkalkulation durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie zeigen die Vorteile des Rufdienstes: Die angehenden Ärzte erleben von Beginn an die Arzt-Patienten-Interaktion und sind in der Lage, komplexe Notfallsituationen zu organisieren. Hinzu kommt der enorme Wissenszuwachs bei diagnostischen und therapeutischen Methoden. „Es ist schon etwas anderes, ob man in einen Kunstknochen bohrt oder aber während einer OP in einen echten Knochen“, sagt der Unfallchirurg. Nach dem Studium könnten die jungen Mediziner, die Rufdienste leisten, in der Regel ohne lange Einarbeitungszeit eingesetzt werden. Da Rufdienst-Studenten wie wissenschaftliche Hilfskräfte bezahlt werden, kämen auch finanzielle Einsparungen hinzu.

Das Modell macht Schule
Seit 6 Jahren sind die Rufdienste nun bereits fester Bestandteil im Klinikalltag der Unfallchirurgie in Göttingen. „Ohne die Studierenden wären wir manchmal echt aufgeschmissen. Sie decken auch die gesamten Feiertage ab“, sagt Dr. Spering anerkennend. Seiner Meinung nach sollte eine praxisorientierte Lehre zukünftig einen noch höheren Stellenwert in Orthopädie und Unfallchirurgie haben: Junge Mediziner könnten so für den Fachbereich gewonnen werden, gleichzeitig werde die gute Versorgung von Patienten gesichert. „In unserer Abteilung ist die Warteliste für den Rufdienst-Pool lang“, berichtet Spering. „Dazu kommt: Ein Großteil der Assistentenstellen wird mittlerweile mit Bewerbern aus dem studentischen Rufdienst besetzt.“ Das Modell habe inzwischen auch außerhalb der Uniklinik Schule gemacht.

Wichtig: Der Lehrgedanke
Prinzipiell kann ein studentischer Rufdienst in jeder chirurgischen Klinik etabliert werden, sagt Dr. Spering. „Notwendig sind Arbeitsverträge für den Bereitschaftsdienst der Studierenden. Zudem wird ein funktionierendes Alarmsystem benötigt, so dass geklärt ist, wer die Indikation stellt und wer wen daraufhin anruft. Außerdem müssen Regelungen zur maximalen Anfahrtszeit festgelegt werden.“ Dem Unfallchirurgen ist dabei eines besonders wichtig: „Der Lehrgedanke muss bei allen stimmen: Die Studierenden sind keine billigen Hakenhalter, sondern sollen integriert und fortgebildet werden.“

5 Fragen an Christopher Spering

Hatten Sie außer dem Unfallchirurgen noch einen anderen Berufswunsch?
Zahlreiche... Meine Entscheidung für die Medizin bereue ich aber nicht, sondern freue mich, dass ich mir so meine Hobbys bewahrt habe.

Was hätten Sie sich als Medizinstudent gewünscht?

Ich wurde glücklicherweise stark gefördert. Die Studienstiftung des deutschen Volkes ermöglichte mir mehrere längere Auslandsaufenthalte und hat mich bei der Promotion unterstützt. Dennoch wäre es schön gewesen, schon während des Studiums einzelne Fachdisziplinen näher kennenzulernen. Das hätte mir die Entscheidung für eine Spezialrichtung erleichtert. Das Studium ist theoretisch und immer noch zu weit weg von der Realität. Ich hätte mir mehr Eigenstudium gewünscht und weniger Pflichtveranstaltungen, mehr eigene Verantwortung in der Gestaltung des Studiums und mehr praxisorientierte Lehrkonzepte.

Auf welches künftige Ereignis freuen Sie sich am meisten?
Ich freue mich, wenn ich Ende des Jahres meinen Facharzt in der Tasche habe. Außerdem möchte ich die Schwerpunkte Polytrauma, die Chirurgie des Beckens und des Acetabulums sowie die Hüft-Endoprothetik weiter festigen.

Welche Tipps haben Sie für angehende Unfallchirurgen?
Auf jeden Fall sollten die jungen Ärzte entspannt bleiben – und bei allem die eigenen Interessen nicht vergessen. Deshalb ist ein Hobby als Ausgleich zum Beruf ganz wichtig. Zudem müssen sie einen eigenen Mechanismus entwickeln, mit Erfolg und Niederlagen umzugehen. Nur so können sie belastende Situationen gut verarbeiten. Ein stabiles Privatleben ist eine notwendige Stütze.

Was ist Ihr Ausgleich vom Berufsalltag?
Meine Familie, besonders meine kleine Tochter. Beim Rudern, Mountain-Biken und Joggen bekomme ich immer einen klaren Kopf. Außerdem mache ich gern Musik und bin viel in Deutschland und im Ausland unterwegs.

Weitere Infos

Kontakt

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailMaria Hauk
Tel.: 030 – 340 603 604

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailBarbara Singh
Tel.: 030 – 340 603 611

Geschäftsstelle