November 2017

Die arthroskopischen Datensammler

Prof. Dr. Philipp Niemeyer, PD Dr. Ralf Müller-Rath, PD Dr. Oliver Miltner (v.l.) © DGOU

400.000 arthroskopische Eingriffe am Knie werden jährlich in Deutschland durchgeführt. In dem Deutschsprachigen Arthroskopieregister, kurz DART, werden seit kurzem Patientendaten erhoben, gespeichert und ausgewertet, um so den medizinischen Nutzen von Gelenkspiegelungen unter Alltagsbedingungen zu messen. Bislang war dies nicht möglich, da wissenschaftlich fundierte Studien an einer großen Patientenpopulation fehlten. Die drei Köpfe hinter DART: Privatdozent Dr. Ralf Müller-Rath, Prof. Dr. Philipp Niemeyer und Privatdozent Dr. Oliver Miltner. Gemeinsam haben sie das Register auf den Weg gebracht.

Farblich abgestimmt im dunkelblauen Jackett und hellblauen Hemd sind Müller-Rath, Niemeyer und Miltner zum Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin angereist. Beim Blick auf das Schuhwerk kommen individuelle Vorlieben zum Vorschein: schwarze Lackschuhe, braune Boots und weiße Sneaker. Gemeinsam präsentieren die drei Mediziner hier das DART. Nein, nicht das Geschicklichkeitsspiel, bei dem mit Pfeilen auf eine runde Scheibe gezielt wird. DART steht für Deutschsprachiges Arthroskopieregister. In dem Register sollen künftig valide Daten von Patienten erfasst und wissenschaftlich ausgewertet werden, die an Knie-, Schulter-, Hüft- oder oberem Sprunggelenk mithilfe einer Gelenkspiegelung operiert wurden. Der medizinische Nutzen dieser Eingriffe wurde in den letzten Jahren immer wieder von den Kostenträgern in Frage gestellt. Welches Ziel DART verfolgt, hebt Müller-Rath hervor: „Langfristig soll mit dem Register die Qualität der chirurgischen Ergebnisleistung und eine optimale Patientenversorgung sichergestellt werden.“

Gemeinsam an einem Strang ziehen
Der Berufsverband für Arthroskopie (BVASK) und drei medizinische Fachgesellschaften stehen hinter dem DART: die Gesellschaft für Arthroskopie und Gelenkchirurgie (AGA), die Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) sowie als Kooperationspartner die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Geschickt haben Müller-Rath, Niemeyer und Miltner dazwischen vermittelt, gelenkt und die Dinge ins Rollen gebracht. „Im Frühling 2013 kam die Idee auf, gemeinsam mit allen Gesellschaften an einem Strang zu ziehen und ein bundesweites Arthroskopieregister zu gründen. Und dann war es letztlich eine glückliche Zeitfügung, dass eine Finanzierung durch freigewordene Stiftungsgelder, die an die DGOU übertragen wurden, möglich war“,  berichtet der BVASK-Beauftragte Müller-Rath über die Anfänge. „Verträge wurden geschlossen und in Rücksprache mit Gelenkspezialisten kristallisierte sich heraus, was essentiell bei der Datenerhebung ist.“

Datenschutz hat hohe Priorität
Zusätzlich holten sie das Studienzentrum der Universität Freiburg mit ins Boot, um in deren Rechenzentrum die erhobenen Patientendaten physisch zu speichern. Bei einem solch großangelegten Forschungsvorhaben hat das Thema Datenschutz, also der sichere Umgang mit den sensiblen personenbezogenen Daten, eine besondere Relevanz. Prof. Niemeyer, Vorstandsbeauftragter der AGA, erklärt: „Wir haben mit dem Studienzentrum Freiburg ein eigenes Datenschutzkonzept entwickelt. Die  medizinischen Registerdaten werden in pseudonymisierter Form gespeichert, das heißt, jedem Patienten wird ein mehrstelliger Zifferncode zugeordnet. Damit können nicht-autorisierte Personen keine Rückschlüsse auf die Identität ziehen.“

Fragen zu Gelenkbefund, Komplikationen und Lebensqualität
Wie funktioniert nun die Befragung und wie zeitaufwendig ist die freiwillige Teilnahme am Register? In der Sprechstunde klärt der Arzt den Patienten auf: Einen standardisierten Fragebogen bekommen Sie präoperativ und zu sechs unterschiedlichen Zeitpunkten nach der OP elektronisch zugesandt.
Fragen zum Gelenkbefund, Komplikationen und Lebensqualität tauchen dort auf, die in ca. 20 Minuten beantwortbar sind. So zum Beispiel: Sind bei Ihnen nach der Operation Komplikationen wie Infektionen, Thrombosen oder Embolien aufgetreten? Konnten Sie aufgrund von starken Schmerzen im Gelenk längere Zeit nicht arbeiten? Wie zufrieden waren Sie mit dem operativen Eingriff? Willigt der Patient ein, kann der Arzt dessen Daten online eingeben und ihn so als Studienteilnehmer anlegen. Das Ganze dauere nicht viel länger als fünf Minuten.

Um die Eingangshürden für Ärzte so niedrig wie möglich zu halten, gibt es zwei Module: DARTbasic und DARTscience. Im Basic-Modul werden ausschließlich der Operations- und Prozedurenschlüssel erfasst. Anders sieht es bei DARTscience aus: Das ist eine wissenschaftlich multizentrische Erhebung von personenbezogenen und medizinischen Daten, ein positives Ethikvotum ist dafür Voraussetzung.

Breite Veröffentlichung der Studienergebnisse geplant
Die ersten Patientendaten zu Kniearthroskopien wurden bereits erfasst. Wie geht es weiter? Der Sportmediziner und GOTS-Vertreter Dr. Miltner gibt einen Ausblick: „Ab 2018  wird das Register um Daten zu den Gelenken Schulter, Hüfte und oberes Sprunggelenk erweitert. Bis die ersten Studienergebnisse veröffentlicht sind, werden aufgrund des methodischen Vorgehens noch ein paar Jahre verstreichen. Dann sollen in einem Reporting neben Ärzten auch Bürger, Krankenkassen, Gesundheitspolitik und Medizinproduktehersteller informiert werden.“

Ganz allein mit der Register-Idee ist DART jedoch nicht. Ab 2019/20 wird es wahrscheinlich eine gesetzlich verpflichtende Qualitätssicherung von Kniearthroskopien geben ‒ nicht mit wissenschaftlichem Hintergrund, sondern zum Zweck der Markt- und Mengenregulierung. Ob hier eventuell Synergien geschaffen werden können? Die drei Orthopäden lassen das auf sich zukommen.


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