Dezember 2017

Eine gute Fehlerkultur in der Klinik etablieren

Dr. Stefanie Hansen-Heidelk © BG Kliniken

Was können Ärzte von Piloten lernen? In Risiko-Situationen sicher im Team zu kommunizieren und zu entscheiden. An den berufsgenossenschaftlichen Akut- und Rehakliniken (BG Kliniken) sollen in den nächsten drei Jahren mehr als 800 Mitarbeiter aus allen Fachrichtungen in der „Interpersonal Competence“ (IC) geschult werden. Personalleiterin Dr. Stefanie Hansen-Heidelk hat sich für das Kursprogramm von Lufthansa Aviation Training im Klinikkonzern stark gemacht, das in Zusammenarbeit und mit der Expertise der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) entwickelt wurde.

Als Bereichsleiterin Personal ist Frau Dr. Hansen-Heidelk für das strategische Personalmanagement zuständig. Sie sucht Antworten auf Fragen wie: Wie können Mitarbeiter langfristig ans Unternehmen gebunden und in ihren Kompetenzen gestärkt werden? Was machen andere Kliniken, um gute Arbeitsbedingungen zu schaffen? Wohin geht der Trend? Dabei ist sie auf das IC-Kursprogramm von Lufthansa Aviation Training (LAT) aufmerksam geworden und hat es mit ihrem Team an den deutschlandweit 13 Standorten eingeführt.
   
Haben Sie einen besonderen Bedarf im Bereich interpersonelle Kompetenzvermittlung festgestellt?
Wir wollen nicht reaktiv sein und sagen „Wir haben einen Bedarf“, sondern proaktiv. In unseren Häusern haben wir ein umfangreiches Fort- und Weiterbildungsangebot und interpersonelle Kompetenzen fließen dort am Rande schon mit ein. Jedoch nicht mit derselben Fokussierung wie bei den IC-Kursen.

Wie sind die IC-Kurse aufgebaut und was sind inhaltliche Schwerpunkte?
Die Kursinhalte sind interdisziplinär und interprofessionell angelegt. Der ICC-1-Kurs bildet den Einstieg für Assistenz- und Fachärzte, Pflegekräfte und alle, die in der Patientenversorgung tätig sind. Es geht um die Verbesserung der Zusammenarbeit und die Kommunikation im Team. Teilnehmer lernen, Probleme anzusprechen, Feedback zu geben und sich gegenseitig zu motivieren. Das ICC-3-Training ist für medizinische Führungskräfte. Der sogenannte Leadership Course gibt neue Impulse für das Entscheiden, Handeln und Führen.

Die IC-Kurse wurden ursprünglich für Piloten entwickelt. Was können Ärzte von ihnen lernen?
Wenn man sich ein Cockpit und einen OP anschaut, dann liegen die gar nicht so weit auseinander: Im Cockpit haben die Piloten Verantwortung für hunderte von Passagieren und es können unerwartete Zwischenfälle passieren. Dann muss der Pilot mit seinem Team schnell Entscheidungen treffen. In einem OP ist das ziemlich ähnlich, insbesondere bei komplexen und schwierigen Eingriffen. Und in beiden Fällen kann es um Leben oder Tod gehen, auch hier sind die Situationen sehr ähnlich. Denn es geht ja nicht um Fachinhalte, sondern um die interpersonelle Kompetenz bei der Arbeit. Gerade Krankenhäuser waren, und sind teilweise immer noch, sehr hierarchisch strukturiert. Früher hätte ein Assistenzarzt einen Chefarzt niemals auf einen Fehler hingewiesen. Wir wollen unseren Mitarbeitern aber zeigen, und das hat die Lufthansa in den letzten Jahren tatsächlich sehr gut vermittelt, dass es in solchen Situationen überhaupt nicht auf Hierarchien ankommt.

Haben Sie für sich selbst auch bestimmte Techniken entwickelt, um Fehler bei der Arbeit zu vermeiden?

Fehler macht jeder. Es ist wichtig, eine gute Vertrauens- und Feedback-Kultur im Unternehmen zu schaffen, in der sich jeder trauen darf, zu sagen: „Mensch, das war nicht so gut.“ Ich fordere auch aktiv Feedback von meinen Kollegen ein. Das funktioniert nur durch Vertrauen, Offenheit und dadurch, dass Fehler zugelassen werden. Das ist natürlich in der Verwaltung einfacher als im OP. Fehler sind manchmal ärgerlich, aber in der Regel kann man sie wieder beheben.

Welche Rolle hatten Sie bei der Initiierung der IC-Kurse an den BG-Kliniken?
Zunächst haben wir die Geschäftsführer der einzelnen Klinikstandorte von dem Kursprogramm überzeugt und mit ins Boot geholt. Keine einfache Sache, da die Mitarbeiter für die Schulungszeit ja von der Arbeit freigestellt werden müssen. Es war allerdings eine große Begeisterung da. Gemeinsam mit einem Kollegen habe ich das Programm auf den Weg gebracht, im Wesentlichen die Verträge verhandelt, überlegt, wie viel Zeit benötigt wird, wie viel Kurse wir anbieten, wo sie stattfinden können und wie wir das eigentlich organisieren. Alles in allem hat es ein gutes Dreivierteljahr gedauert.

Was versprechen sich der Klinikkonzern mit dem Trainingsprogramm für das Unternehmen, die Mitarbeiter und Patienten?
Im Mittelpunkt steht, dass wir unsere Fehlerkultur ständig verbessern wollen. Denn nur mit einer guten Fehlerkultur kann eine hohe Patientensicherheit gewährleistet werden. Da wir viele hochkomplexe und schwere Fälle in unseren Häusern haben, versprechen wir uns mit dem Trainingsprogramm in puncto Patientensicherheit einen Schritt weiter zu kommen. Für unsere Mitarbeiter möchten wir attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Damit sie in Risikosituationen intuitiv handeln können, stärken wir sie im Vorfeld. Nach außen möchten wir mit einem guten Fort- und Weiterbildungsangebot über die Fachlichkeit hinaus als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden.

Planen Sie eine wissenschaftliche Evaluation, um festzustellen, ob und wie die Kursinhalte in der Praxis fruchten?
Ja, neben der Vor-Ort-Evaluation an den einzelnen Standorten planen wir in Kooperation mit der Universität in Frankfurt am Main zusätzlich eine übergreifende wissenschaftliche Rahmenevaluation im nächsten Jahr.

Kontakt

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailMaria Hauk
Tel.: 030 – 340 603 604

Öffnet ein Fenster zum Versenden der E-MailBarbara Singh
Tel.: 030 – 340 603 611

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