Februar 2014

Michael Winter: Arzt ohne Grenzen

Der Unfallchirurg Michael Winter aus Berlin war im Januar für Ärzte ohne Grenzen in Haiti im Einsatz, wo er vor allem mit Schussverletzungen und Verkehrsunfällen zu tun hatte. Insgesamt war dies bereits sein 9. Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. In Nigeria beispielsweise musste er weit häufiger Opfer von Verkehrsunfällen als von Gewalttaten behandeln. Sein Fazit: Unfallverletzungen sind eine neue globale Epidemie.

Bereits im Januar 2010 ist Winter nach dem Erdbeben in Haiti im Einsatz gewesen. Jetzt, vier Jahre später, hatte er den Auftrag, neben der Arbeit als Unfallchirurg in der täglichen Patientenversorgung auch die Leistungsfähigkeit des Unfallkrankenhauses von „Ärzte ohne Grenzen“ in Port au Prince zu evaluieren. Motivation für sein Engagement ist die Gewährleistung der medizinischen Versorgung für Menschen, die sonst keinen Zugang dazu haben. „Direkte, bedingungslose medizinische Hilfe, abseits von Versicherungsstatus und Bürokratie, als eigentlicher Kern der ärztlichen Tätigkeit“, sagt Winter. 

Dass insbesondere Unfallverletzungen global zunehmen, erfährt Winter bei seinen Einsätzen deutlich. „In den Low-/Middle-Income-Countries (Entwicklungsländern) steigt der Straßenverkehr, ohne dass es entsprechende Verkehrsregeln gäbe“, sagt Winter. „In Kombination mit einer zunehmenden Urbanisierung ist das eine oft tödliche Mischung.“ Laut der WHO sterben jährlich ca. 1,3 Millionen Menschen an Verkehrsunfällen – mit steigender Tendenz. 20 bis 50 Millionen werden dabei jährlich verletzt, 90 Prozent davon in Entwicklungsländern. Aufgrund der globalen Zunahme der Mobilität werden im Jahr 2030 geschätzt doppelt so viele Menschen an Verkehrsunfällen sterben wie an HIV/AIDS, TBC und Malaria zusammen. Damit werden Verkehrsunfälle zur fünfthäufigsten Todesursache. „Da es sich in der Regel um junge produktive Patienten im Alter zwischen 14 und 44 Jahren handelt, sind auch die wirtschaftlichen und sozialen Kosten von Verletzungen und Arbeitsunfähigkeit enorm und tragen unzweifelhaft zum Teufelskreis der Armut in Entwicklungsländern bei.“


Welche Erlebnisse haben Sie im Ausland am stärksten geprägt?

Zu erfahren, dass man auch abseits der Gerätemedizin mit einfachen Mitteln den meisten Patienten helfen kann. Dass Menschen trotz widrigster Umstände glücklich und mit dem Leben zufrieden sind, relativiert für mich viele unserer zivilisatorischen Alltagssorgen.

Wie unterscheidet sich der Berufsalltag im Ausland zu dem in Deutschland?

Mehr Hochrasanztrauma, mit einem deutlich höheren Anteil an offenen Frakturen. Viele Schussverletzungen. Entsprechend der Alterspyramide mehr junge Patienten ohne Nebenerkrankungen. Therapie mit besonderer Betonung der konservativen Frakturbehandlung. Wesentlich weniger Bürokratie. 

Was schätzen Sie in Kliniken in Deutschland am meisten?

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Möglichkeit, im Zweifel einen Spezialisten/Experten um Rat fragen zu können.

Was hat Sie dazu gebracht, Orthopäde/Unfallchirurg zu werden?

Eigentlich wollte ich Allgemeinchirurg werden und habe mein AiP in einer gemeinsamen Abteilung für Chirurgie und Unfallchirurgie/Orthopädie absolviert. Der unfallchirurgische Oberarzt hat durch sein Engagement mein Feuer für die Unfallchirurgie entfacht.

Was lieben Sie an Ihrem Beruf am meisten?

Dass ein Großteil der Patienten mit einer Verletzung in der Regel nach Abschluss der Therapie geheilt ist.

Wenn nicht Orthopäde/Unfallchirurg – was würden Sie gerne sein?

Ich bin sehr gerne Orthopäde/Unfallchirurg. Aber eigentlich wollte ich immer Fußballprofi werden. Auch heute noch warte ich auf den Anruf von Jogi Löw.

Können Sie sich noch an Ihre erste OP erinnern?

Ja, das war eine Abszessspaltung. Und sieh an, auch heute arbeite ich noch in der septischen Chirurgie. Klassische Früherziehung!

Welche Leistung/Entdeckung/Entwicklung bewundern Sie am meisten?

Demokratie und Menschenrechte. 
Und auf unfallchirurgisch-orthopädischem Gebiet finde ich es schon bemerkenswert, unter welchen Bedingungen Gavril Ilizarov den Ringfixateur und die Kallusdistraktion entwickelt hat. 

Was sollte unbedingt noch erfunden werden?

Wurde schon erfunden, sollte nur global umgesetzt werden: die Finanztransaktionssteuer.
Medizinisch hätte ich gerne das eine Antibiotikum, das ohne Nebenwirkung jeden Infekt beherrscht. Da kann ich allerdings wohl noch ein wenig warten ...

Wie können Sie nach der Arbeit am besten entspannen?

Sich über die kleine Dinge zu freuen und den sogenannten Alltagsärger nicht allzu wichtig zu nehmen.

Auf welches Ereignis der nächsten Zeit freuen Sie sich schon?

Auf die Fußball-WM in Brasilien ... und den rechtzeitigen Anruf von Jogi Löw. Hoffentlich stellt mich dann auch mein Chef frei!

Was geben Sie zukünftigen Orthopäden und Unfallchirurgen mit auf den Weg?

Natürlich möchte ich abschließend eine Mitarbeit im Ausland empfehlen, um auch einmal über den Tellerrand unseres (Berufs-)Alltags hinwegzuschauen. Das ist in der Regel sehr abwechslungsreich und wird von den meisten als sehr lehrreich und befriedigend empfunden.

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