27.09.2017

Pressemitteilung der DGU

2. Notfallkonferenz: Unfallchirurgen trainieren die Versorgung von Opfern nach Terroranschlägen

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Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und die Bundeswehr haben den vor einem Jahr aufgelegten 5-Punkte-Plan zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung bei möglichen Terroranschlägen erfüllt. Herzstück des Plans ist der Kurs „Terror and Disaster Surgical Care“ (TDSC®), bei dem erfahrene Unfallchirurgen und Chirurgen lernen, medizinische Herausforderungen in einer Terrorlage zu managen. Teile des Kurses werden heute bei einer Sichtungs- und Simulationsübung mit Schauspielern praktisch trainiert und live in den Hörsaal der Universitätsklinik in Frankfurt am Main zur 2. Notfallkonferenz übertragen. Dabei kommentieren Experten vor rund 200 Teilnehmern, welche Besonderheiten es bei der Erstversorgung von Opfern von Terroranschlägen im Vergleich zu Schwerverletzten aus dem zivilen Leben gibt. „Wir vermitteln entscheidende Kenntnisse über Verletzungsmuster und Behandlungsprioritäten, damit Mediziner angemessen bei der Versorgung von Verletzten nach einem Terroranschlag vorgehen können“, sagt DGU-Präsident Prof. Dr. Ingo Marzi.

Das ist das Szenario, das die Teilnehmer im TDSC®-Kurs in der Simulationsübung trainieren: Eine Bombe explodiert in der Fußgängerzone der Innenstadt. Es gibt 120 Verletzte, 42 davon sind schwerverletzt und kommen mit stark blutenden Schuss- und Explosionsverletzungen in die Klinik der Kursteilnehmer. Dabei werden u.a. folgende Verletzungen simuliert: ein 25-Jähriger mit Einsprengungen am ganzen Körper, offenen Blutungen am Rumpf, einem Trommelfellriss und Verbrennungen; eine 36-jährige Frau mit einem abgerissenen Unterschenkel, versorgt mit einem Tourniquet; ein 24-jähriger Mann mit Bombensplittern im Gesicht und am Bauch, bei dem keine Atemgeräusche mehr feststellbar sind. Genau dieses Szenario wird anlässlich der 2. Notfallkonferenz von 12 Statisten bei der praktischen Sichtungsübung in der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Frankfurter Uniklinik nachgestellt.

Die Initiatoren der Konferenz wollen demonstrieren, dass sich die Lage bei einem Massenanfall von Verletzten im Terrorfall (TerrorMANV) von der bei einem normalen MANV unterscheidet: Patienten kommen unkoordiniert in die nächstgelegene Klinik geströmt, einige laufen selbst, andere werden von Passanten in die Rettungsstelle gebracht. Sie sind nicht erstversorgt – genauso wenig wie die Patienten, die vom Rettungsdienst in die Klinik gebracht werden. Anders als beim MANV, bei dem Notärzte die Patienten normalerweise vor Ort erstversorgen oder lebensrettende Maßnahmen einleiten, müssen Rettungskräfte die Verletzten bei einem Terroranschlag schnell aus der Gefahrenzone bringen. Für die Klinik ergibt sich damit in kürzester Zeit eine hohe Anzahl von hochgradig lebensgefährlich Verletzten. Besonders diejenigen, die stark bluten, müssen in der unübersichtlichen Situation schnell und sicher identifiziert werden. Als lebensrettende Maßnahme muss eine Blutung in einem ersten Schritt schnell gestoppt werden. Denn laut Expertenmeinungen sind 90 Prozent der Opfer von Terroranschlagen gefährdet, durch eine ungestillte Blutung zu sterben.

Szenarien wie dieses sind in deutschen Kliniken unüblich. Der Umgang damit muss eintrainiert werden. Dazu müssen sich Klinik-Ärzte mit der innerklinischen Sichtung, also der Ersteinschätzung der Patienten und der Frage der Primärbehandlung bei einer hohen Anzahl von nicht vorversorgten Patienten und möglicherweise unzureichender Ressourcen an Personal, Material sowie Infrastruktur auseinander setzen. Ziel der Übung beim TDSC®-Kurs ist es daher, die Patienten bestmöglich nach individualmedizinischen Standards zu versorgen, gleichzeitig aber möglichst vielen Patienten das Leben zu retten. Dazu nutzen die Ärzte den neu entwickelten Algorithmus „Kategorisieren - Priorisieren - Disponieren - Realisieren“ (TDSC® Kurs TerrorMANV), bei dem Verletzte entsprechend ihres Verwundungsgrades eingeteilt und in Abhängigkeit der verfügbaren Ressourcen versorgt werden. „Einen Mangel an Ressourcen kann man nur durch kluge Entscheidungen sowie gute Taktik und Strategie kompensieren. Das muss trainiert werden“, sagt Oberstarzt Prof. Dr. Benedikt Friemert, Leiter der DGU-Arbeitsgemeinschaft Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie (AG EKTC). Die seit Mai 2017 von der AUC – Akademie der Unfallchirurgie angebotenen TDSC®-Kurse werden von den Teilnehmern gut angenommen.

An der 2. Notfallkonferenz nehmen deutsche Spitzenvertreter der Unfallchirurgie, weiterer chirurgischer Disziplinen, der Notfallmedizin, aus Rettungs- und Sicherheitsorganisationen sowie aus Politik und der Bundeswehr teil. Neben Fachvorträgen zur innerklinischen Taktik und Strategie beim Terroranschlag berichten Referenten, wie ein Mediziner aus Belgien, über die zivil-militärische Kooperation beim TerrorMANV. Die Teilnehmer erfahren, wie 2016 beim Anschlag in Brüssel die innerklinische Dynamik der Kliniken beeinflusst wurde.

Eine weitere Maßnahme des 5-Punkte-Plans ist die Einführung eines Schuss- und Explosionsregisters. Es ergänzt das TraumaRegister DGU® zur Erfassung von Schwerverletzten um Patienten mit Schuss- und Explosionsverletzungen. Diese Erweiterung wurde im Rahmen der strategischen Partnerschaft zwischen der DGU und dem Sanitätsdient der Bundeswehr entwickelt. Die enge Zusammenarbeit mit Medizinern der Bundeswehr drückt sich auch in der Unterzeichnung einer Kooperationsvereinbarung zwischen der DGU und der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie (DGWMP) aus. Die Unterschrift setzen DGU-Präsident Prof. Dr. Ingo Marzi und DGWMP-Präsident Generaloberstabsarzt a.D. Dr. Jürgen Blätzinger am 27.09.2017 auf der 2. Notfallkonferenz. Die DGWMP als interdisziplinäre wissenschaftliche Fachgesellschaft und die DGU streben fortan als Partner einen intensiven Austausch in Wissenschaft und Forschung an.

Quelle: Öffnet externen Link in neuem FensterDGU-Website

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