16.09.2019

Interview

Künstliche Intelligenz revolutioniert Diagnostik und Therapie von Wirbelsäulenerkrankungen

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„Wandel in die Zukunft“ – mit dem Motto der Jahrestagung der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft (DWG) setzt Kongresspräsident Prof. Dr. Bernhard Meyer etwas andere Schwerpunkte als üblich. Im Interview gibt er einen ersten Einblick in die vielfältigen Themen, in Schwerpunkte und Highlights der Tagung. Der Kongress der DGOU-Sektion findet vom 28. bis zum 30. November 2019 in München statt.

Bei der 14. Jahrestagung der DWG in München haben Sie mit Blick auf das nächste Jahrzehnt ganz bewusst neue Akzente und etwas andere Themenschwerpunkte als üblich gesetzt. Inwiefern wird sich ab dem Jahr 2020 der Schwerpunkt in der gesamten Medizin verschieben und welche grundlegenden Neuerungen sind im Hinblick auf Diagnostik und Therapie von Wirbelsäulenerkrankungen durch Digitalisierung, „Big Data“ und künstliche Intelligenz (KI) zu erwarten?

Prof. Dr. Bernhard Meyer: Ich bin überzeugt, dass bereits in fünf Jahren KI ein fester Bestandteil in der Routinediagnostik sein wird, in erster Linie in der apparativen Diagnostik wie Radiologie etc. Wir werden aber auch den Einzug in die klinische Routine-Diagnostik sehen, um dort dann Therapieentscheidungen zu optimieren. Wir werden den Nachweis erleben – in der Radiologie gibt es das zum Teil bereits – dass dies der rein „menschlich-ärztlichen“ Beurteilung überlegen ist. Die Entwicklung wird bei den häufigen und weniger kritischen Krankheitsbildern beginnen und dann auf die schweren und seltenen übergehen.

Was bedeutet es für die Wirbelsäulenchirurgie, wenn zunehmend robotische Assistenzen Teile der Operationen begleiten? In welchen Bereichen bieten sie Vorteile und werden schon angewendet –
und welche aktuellen Diskussionen zu diesen technischen Neuerungen werden beim Kongress geführt? Welche Anforderungen werden damit an die moderne Wirbelsäulenchirurgie gestellt, auch für die Aus- und Weiterbildung?

Prof. Dr. Bernhard Meyer: Die Robotik im OP-Saal ist ja nicht ganz neu. Wie bei manchen Technologien bedarf es aber oft zweier Anläufe. Dies beobachten wir gerade. Hier müssen aber die Erwartungen gedämpft werden, was die Geschwindigkeit der Entwicklung angeht – im Gegensatz zu der Entwicklung in KI und Diagnostik. Dies liegt sowohl an technischen Hürden als auch an den extrem hoch anzusetzenden Sicherheitsstandards. Die momentan bereits auf dem Markt befindlichen Robotiksysteme sind im Prinzip mehrheitlich etwas bessere Navigationssysteme zur Implantation von Schrauben in der Wirbelsäule. Ihr Vorteil gegenüber „normalen“ Navigationssystemen ist momentan noch relativ marginal und der Mehrpreis für die Routineanwendung meist nicht ganz gerechtfertigt. Dennoch ist es unerlässlich, hiermit in der klinischen Forschung die Grenzen weiter zu verschieben. Dies wird wie so oft in der Medizin in kleinen inkrementellen Schritten erfolgen. Erst etwa nach zehn bis zwanzig Jahren wird man meines Erachtens im Rückblick zu heute einen klaren Vorteil erkennen können, der den Routineeinsatz rechtfertigt.

Komplikations- und Qualitätsmanagement ist ein weiterer aktueller Schwerpunkt des Kongresses. Wie wird die aktuelle Diskussion aufgegriffen? Und welche Rolle spielen dabei das  Weiterbildungscurriculum für die Wirbelsäulenchirurgie und die fortlaufende Zertifizierung von Wirbelsäulenzentren?

Prof. Dr. Bernhard Meyer: Das Ziel der DWG war von Anfang an, über ein strukturiertes persönliches Zertifizierungsprogramm in Verbindung mit einer institutionellen Zertifizierung – das heißt von Wirbelsäulenzentren in Kliniken – die Versorgung von Patienten mit Wirbelsäulenerkrankungen deutschlandweit qualitativ zu verbessern und regionale ebenso wie fachspezifische (Orthopädie oder Neurochirurgie) Unterschiede „auszubügeln“. Dies ist in den letzten zehn Jahren hervorragend gelungen, was auch der unverminderte Andrang zur Zertifizierung belegt. Auch haben sich inzwischen die Weiterbildungscurricula europaweit angeglichen, wobei die DWG die treibende Kraft war. Nachdem dies nun erreicht ist, strebe ich in meiner Amtszeit an, den Anstoß zu geben für eine Zusatzweiterbildung „spezielle Wirbelsäulenchirurgie“, die fest in den Mutterfächern (Neurochirurgie und Orthopädie/ Unfallchirurgie) verankert ist. Wir würden somit die Weiterbildung im Fach Wirbelsäulenchirurgie, deren Grundlage das erprobte Curriculum wäre, wieder zurückgeben an die Mutterfächer, was eine noch weitere Verbesserung der Ausbildung und somit der Versorgung unserer Patienten zur Folge hätte. Es gibt zwar im Moment fachlich nicht begründete politische Widerstände, aber ich bin mir sicher, dass die Initiative nicht aufzuhalten sein wird.

Das wissenschaftliche Programm ist wieder besonders vielfältig. Hochrangige nationale und internationale Experten werden Entwicklungen und neue Strategien zu Diagnostik und Therapie von Wirbelsäulenerkrankungen vorstellen. Auf welche aktuellen Themen sind Sie besonders gespannt?

Prof. Dr. Bernhard Meyer: Drei Themen werden in Pro-Contra Sitzungen beleuchtet werden, die alle übergreifende, systemrelevante Inhalte haben. Die Versorgung von Patienten, die an Krebs leiden und Metastasen an der Wirbelsäule entwickeln, hat aufgrund der verbesserten Therapiemöglichkeiten der Grunderkrankung massiv zugenommen und erfordert ein Überdenken der bisherigen Strategien. Die Mengenausdehnung der operativen Eingriffe im Bereich der degenerativen (Verschleiß-) Erkrankungen der Wirbelsäule fordert immer wieder massive öffentlich Kritik heraus. Wir wollen beleuchten, ob und welche Eingriffe jetzt und in Zukunft indiziert sind und welche zu Recht kritisiert werden. Zuletzt soll noch ein Thema aufgegriffen werden, das auch zunehmend Bedeutung gewinnt und in dem sich ebenfalls ein Strategiewechsel andeutet, nämlich die Revisionseingriffe nach stabilisierenden Eingriffen an der Wirbelsäule.

Neben Unfallchirurgen, Orthopäden, Neurochirurgen und anderen an der Wirbelsäule interessierten Medizinern kommen auch viele Teilnehmer aus anderen Berufsgruppen, etwa aus dem Bereich der Physiotherapie und der Pflege. Was bedeutet das für die interdisziplinäre Zusammenarbeit und welche Tagungsschwerpunkte wurden dazu gesetzt?

Prof. Dr. Bernhard Meyer: Dies ist ja nun seit einiger Zeit Tradition und findet meine volle Unterstützung. Man arbeitet ja auch im Alltag eng zusammen, so dass ein Austausch und Begegnungen auf einem gemeinsamen Kongress nur folgerichtig erscheinen. Die prä- und postoperative Rehabilitation und ein Fokus auf Sportler sind Schwerpunkte der Physiotherapietagung; bei der Pflegetagung werden unter anderem intra- und postoperative Besonderheiten von Wirbelsäulenpatienten diskutiert sowie zukünftige, auch politische Änderungen besprochen.

Der stetig anwachsende Datenpool des DWG-Wirbelsäulenregisters bietet aktuelle Erkenntnisse für Ärzte und Patienten, Gesundheitspolitik, Industrie und Kostenträger. Welche aktuellen Entwicklungen werden beim Kongress diskutiert?

Prof. Dr. Bernhard Meyer: Die DWG unternimmt im Moment große Anstrengungen, die Struktur des bisherigen Registers inhaltlich zu optimieren und gleichzeitig den zukünftigen Anforderungen (z.B. gesetzlich verpflichtende Implantatregister) anzupassen. Die nunmehr verpflichtende Eingabe von Daten aller operierten Patienten in das bisherige Register für alle DWG-zertifizierten Wirbelsäulenzentren hat zu einem sehr hohen Anstieg an Dateneingaben geführt, womit zumindest ein mehr oder weniger repräsentatives Bild für Deutschland erzeugt werden kann.

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