17.05.2018

Kommentar

Prävention immer wichtiger: Deutschland braucht umfassenden Sportplan

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Über eine Reform des Leistungssports wird in Deutschland seit mehr als drei Jahren diskutiert. Dabei kommen wesentliche Aspekte des Sports, vor allem auch aus medizinischer Sicht, zu kurz. Mehr Medaillen erringen zu wollen, ist das Eine. Prävention und eine weithin unterschätzte positive Wertevermittlung durch Sport das Andere. Bewegungsmangel, Fehlernährung und unsachgemäßes Sporttreiben führen zu hohen Kosten im Gesundheitswesen. Daher wäre ein umfassender Sportplan dringend geboten, so die Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS), eine Sektion der DGOU. GOTS-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Martin Engelhardt schaut aus medizinischer Sicht kritisch über den Tellerrand der Leistungssportreform und beschreibt, wie finanzielle Mittel gesamtgesellschaftlich gut investiert wären.

Ein Kommentar von Prof. Dr. Martin Engelhardt

Einige Daten und Fakten vorneweg

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO führt Arthrose nicht nur zu einer Einschränkung der Lebensqualität, zu Schmerzen und zu einer Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit. Die Arthrose steht hinter Herz-Kreislauf- und cerebrovaskulären Erkrankungen zudem an dritter Stelle bei den Gründen für den Verlust an Lebenszeit. Die Ursachen hierfür liegen häufig im Bewegungsmangel begründet. Dieser ist neben falscher Ernährung und unsachgemäßem Sporttreiben auch die Ursache für hohe Kosten im Gesundheitswesen.

2007 hatten in Deutschland knapp 60 Prozent der Frauen und 75 Prozent der Männer einen Body Mass Index (BMI) größer als 25, bei knapp einem Viertel beider Geschlechter betrug der BMI sogar mehr als 30. Auch 16 Prozent der Kinder sind übergewichtig, 6 Prozent übergewichtig. Dazu kommt: Nur knapp ein Drittel der Jungen und ein Fünftel der Mädchen bewegen sich täglich eine Stunde. 1950 war das noch anders. Damals bewegten sich die Deutschen im Schnitt noch zehn Kilometer am Tag. Heute beträgt die Tagesstrecke weniger als 700 Meter. Zehnjährige Kinder können im Schnitt nicht mehr als 1.000 Meter am Stück rennen.

Im Jahr 2008 haben die gesetzlichen Krankenkassen 340 Millionen Euro für Prävention ausgegeben. Schlechte Ernährung und Bewegungsmangel haben dagegen im selben Jahr Kosten von mehr als 70 Milliarden Euro verursacht. Diese Zahlen machen nicht nur nachdenklich, sie sollten wachrütteln. Doch auch der Profisport ist in dieser Hinsicht teuer. Nachzulesen ist das im Sportreport der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) 2016, der das Unfallgeschehen und die Kosten in den zwei höchsten Ligen der Männer im Basketball, Eishockey, Fußball und Handball analysiert.

Eine isolierte Leistungssportreform greift zu kurz

Seit mittlerweile mehr als drei Jahren wird in Deutschland eine isolierte Leistungssportreform diskutiert, deren Ziel mehr internationale Medaillen sein sollen – ohne Doping und mit möglichst geringen finanziellen Investitionen. Solange ein umfassender und langfristiger nationaler Sportplan aber fehlt, der mit dem Bund, den Ländern sowie den Sportverbänden und -vereinen abgestimmt ist, wird dieses Vorhaben wenig Aussicht auf Erfolg haben. Wir sollten realistisch auf die zurückliegenden Erfolge der deutschen Athleten schauen, für die in erster Linie kompetente und engagierte Trainer sowie starke Strukturen einiger Fachverbände mit fachlich kompetentem Personal verantwortlich sind. In Sportarten wie Fußball oder Reiten hat weder der Staat noch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) großen Anteil an den Siegen und Medaillen.

Vor allem in den Sportarten, die finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen können, sind die Unterstützungen durch die Wissenschaftsinstitute des deutschen Sports essenziell. Dazu gehören das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig und das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin ebenso wie weitere wissenschaftliche Einrichtungen sowie die Olympiastützpunkte mit ihren vielfältigen Service-Leistungen, aber auch die wirtschaftliche Absicherung der Athleten durch die Bundeswehr und die Polizei. Will man Deutschland im Sport wirklich ernsthaft und beständig erfolgreich machen, bedürfte es eines langfristig angelegten Sportplanes – ähnlich dem, der in Großbritannien seit Jahren existiert.

Wir müssen uns derzeit eingestehen, dass Deutschland mehrheitlich kein Sportland mehr ist – höchstens vielleicht, wenn es um den Sportkonsum vor dem Fernseher geht. Es darf nicht nur vordergründig und isoliert auf leistungssportliche Erfolge geschaut werden. Von besonderer Bedeutung für die Gesellschaft ist insbesondere auch die positive Wertevermittlung durch den Sport. Ein Mehrwert, der von den maßgeblichen Entscheidungsträgern in Deutschland noch immer unterschätzt wird.

  • Aufbau von Sozialkompetenz für das gemeinschaftliche Zusammenleben, z.B. Entwicklung von Selbstwertgefühl, konstruktiver Umgang mit Niederlagen, solidarisches Handeln mit Teamkollegen
  • Positive geistige und körperliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen
  • Gesunderhaltung der Bevölkerung
  • Integration von Bürgern mit Migrationshintergrund
  • Förderung der sozialen Durchlässigkeit der Schichten
  • Friedensstiftende und völkerverbindende Wirkung
  • Identifikation mit dem Staat


Daraus ergibt sich die Legitimation, ja sogar die Verpflichtung, wesentlich mehr finanzielle Mittel für die Umsetzung eines umfassenden Sportplanes bereitzustellen, wie Großbritannien es schon 1996 in Angriff genommen hat.

Umfassendes Sportprogramm mit Präventionsplan kombinieren

Wir müssen erkennen, dass wir nur durch gemeinsames Handeln und durch fachliche Kompetenz auf allen Ebenen Erfolge erzielen können. Dazu bedarf es aber auch eines abgestimmten langfristigen und umfangreichen Sportplans. Die hierfür notwendigen finanziellen Mittel wären gesamtgesellschaftlich gut investiert. Auf der anderen Seite könnten dadurch Kosten im erheblichen Milliardenbereich eingespart werden, die durch mangelnde Gesundheit und gesellschaftliche Fehlentwicklungen entstanden sind.

Damit nicht nur sportliche Erfolge erzielt werden, sondern auch das bewährte Gesundheitssystem auf hohem Niveau bestehen kann, ist neben einem umfassenden Sportprogramm auch ein Präventionsplan vonnöten. Dieser sollte mit dem Staat, Kindergärten und Schulen, dem organisierten Sport und den medizinischen Gesellschaften abgestimmt, mit den entsprechenden Schulungsmaßnahmen unterlegt und langfristig für mehrere Jahrzehnte angelegt sein. Zusätzlich müssten allerdings auch die Leistungsanreize angepasst werden.

Quelle: GOTS-Newsletter